Was mir 17 Tage Fasten, Schweigen und Zen über Müssen, Wollen, Können und Dürfen beigebracht haben
Wenn du glaubst, ein Fastenretreat sei Wellness mit Tee und Decke, dann lies bitte weiter, bevor du buchst.
Ich faste seit über zwanzig Jahren immer wieder. Und trotzdem habe ich mich in diesem Herbst gründlich getäuscht: 17 Tage am Stück, davon neun Tage Schweigen, Fasten und Zen-Meditation. Aufstehen um vier, erste Einheit um sechs, rund vier Stunden Sitzen am Tag. Am Ende stand für mich ein Satz fest, den ich vorher so nicht geschrieben hätte: Fasten ist keine Erholung.
In diesem Beitrag erzähle ich dir, warum sich Schweigen an einem Tag nach Befreiung und am nächsten nach Kälte angefühlt hat. Warum mich eine fehlende Uhr an der Wand mehr beschäftigt hat als der Hunger. Welche vier kleinen Wörter für mich seitdem Ordnung in ein altes Dauerthema bringen: müssen, wollen, können, dürfen. Und am Ende verrate ich dir, was ich bei meinem eigenen Retreat ganz anders machen werde.
Der Irrtum, mit dem ich nie wieder zum Fasten fahre
Die meisten stellen sich ein Fastenretreat so vor: Tee trinken, in die Natur schauen, endlich Ruhe. Bei vielen Angeboten stimmt das auch. Bei diesem Retreat stimmte es nicht. Hier kommt ein ganz normaler Tag:
| Uhrzeit | Programm |
| 06:00 | Rezitation |
| 06:15 | Za-Zen (Sitzmeditation, ca. 30 Min.) |
| 07:00 | Tee |
| 07:45 | Za-Zen mit Gehmeditation |
| 08:15 | Vortrag |
| 09:15 | Tai Chi / Körperübungen |
| 10:45 | Za-Zen |
| 11:30 | Tee |
| 12:00 | Mittagspause (bis 15:00) |
| 15:00 | Za-Zen, Tee, Tai Chi |
| 18:00 | Za-Zen mit Gehmeditation, danach noch eine Einheit Za-Zen |
| 19:15 | Tee |
| 20:00 | Rezitation, Za-Zen bis 20:40, danach Nachtruhe |
Im Kern sind das rund acht Sitzeinheiten von je etwa 30 Minuten, dazu Rezitation, Teezeiten, an denen man anwesend ist, und zweimal Tai Chi. Bis Tag 12 hatte ich nach meiner eigenen Rechnung etwa 40 Stunden meditiert.
Das ist kein Jammern, sondern eine reine Faktenbeschreibung. Wer dafür kommt, bekommt etwas Echtes: Struktur, Rituale, Tiefe. Mir persönlich haben die Rituale sogar richtig gut getan, ich brauche Ordnung. Nur eines bekommt man nicht: Erholung. Wer sich nach Ruhe sehnt und dafür fastet, ist hier falsch. Für mich war das eine Woche, die Körper und Kopf alles abverlangt hat.
Warum überhaupt 17 Tage?
Ich mache gerade eine Ausbildung zur Fastenleiterin. Dazu gehören zwei Kurse direkt hintereinander: eine Fastenwoche und danach die Schweigewoche. Das ergibt in Summe 17 Tage ohne feste Nahrung. Und weil es oft falsch verstanden wird, sage ich es gleich dazu: Mir geht es beim Fasten nie ums Abnehmen. Ich bin schlank und mein Wohlfühlgewicht ist seit Jahrzehnten dasselbe. Mich interessiert, was mit Körper und Kopf passiert, wenn man alles wegnimmt: Essen, Gespräche, Handy, Arbeit.
Handy und Social Media habe ich vorher komplett abgeschaltet. Bei LinkedIn, WhatsApp und allen anderen Kanälen lief eine automatische Abwesenheitsnachricht. Einmal am Tag habe ich mir zehn Minuten gegönnt, um meine Gedanken laut aufzunehmen. Mehr nicht.
Die ersten Tage: Ich war getrieben, obwohl ich nichts musste
Schon am ersten Tag war ich unruhig und müde zugleich. Es war Samstag, kein einziger Termin war nötig, und ich habe trotzdem noch ein Telefonat für meine Masterclass angenommen. Am zweiten Morgen stand ich um halb fünf auf, wie zu Hause, obwohl das Programm erst um halb acht begann. Mein Kopf plante Blogbeiträge, Anzeigen und Newsletter, während mein Körper nur schlafen wollte.
Das war der erste Spiegel. Ich liebe meine Arbeit, bei mir lassen sich Beruf und Privatleben kaum trennen. Das stimmt auch. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Begeisterung und Getriebensein. Und den habe ich in dieser Woche zum ersten Mal körperlich gespürt.
Am dritten Tag war ich wütend. Über ein Verhalten, das ich als respektlos erlebt habe, und ich war nicht die Einzige, der es so ging. Dazu kamen Hunger und Müdigkeit, und alles kam gleichzeitig hoch. Ein paar Tage später war der Zorn weg. Ich habe verstanden: Was mich so aufregt, hat auch mit mir zu tun. Es war ein Spiegel.
Schweigen: erst Befreiung, dann Kälte
Der erste volle Schweigetag war für mich eine Überraschung. Ich bin normalerweise schnell: bum, bum, bum, jede Frage sofort beantwortet. Und plötzlich musste ich niemandem mehr antworten. Ich habe das so genossen, dass ich überlegt habe, warum ich das nicht schon längst gemacht habe. Interessant war: Das Fasten trat in den Hintergrund. Ich habe nach acht Tagen keine Sekunde mehr ans Essen gedacht. Das Schweigen hat mich viel mehr beschäftigt, im positiven Sinn.
Dann kam die zweite Erfahrung. Ich bin ein Mensch, der Augen sucht und lächelt. In dieser Gruppe wichen mir gefühlt die meisten aus, nur etwa jeder Fünfte hat zurückgelächelt. Das hat sich nicht wie Stille angefühlt, sondern wie Distanz. Für mich war das fast unerträglich.
Meine Erkenntnis: Ich will Stille, aber keine Kälte. Schweigen heißt nicht, dass man einander übersehen muss. Ein Lächeln, eine kleine Verbeugung, ein freundlicher Gruß verletzen keine Stille. Und ein Schild „Ich schweige“, wie ich es von einer Yoga-Ausbildung kenne, hilft allen, die draußen unterwegs sind.
Die Uhr, die ich nicht sehen durfte
Beim Zazen sitzt man mit offenen Augen und schaut etwa einen Meter vor sich auf den Boden. Es gibt keine Uhr. Ein Klang kündigt das Ende an, mal nach 23, mal nach 26 Minuten. Und ich merkte: Ich werde unruhig, wenn ich die Zeit nicht sehen kann. Mit einer Uhr in Blickweite wäre ich ruhig geworden.
Das ist mein Kontrollbedürfnis, so klar wie selten. In meiner Arbeit mit den Archetypen würde ich sagen: Der Herrscher in mir will wissen, wie lange es noch dauert. Der Weise beobachtet das Ganze. Und der Unschuldige könnte einfach vertrauen, dass der Klang schon kommt. (Das ist meine persönliche Deutung, kein wissenschaftlicher Befund.) Ich habe aufgehört, die Zeit kontrollieren zu wollen. Stattdessen habe ich geübt, zu bemerken, dass ich kontrollieren will. Das war anstrengender als jeder Hunger.
Müssen, Wollen, Können, Dürfen
Ab Tag 10 wurde es zäh. Ich hatte noch sieben Tage vor mir, mein Körper war müde, und mein Kopf stritt mit sich selbst: Muss ich wirklich bei jeder Einheit dabei sein?
Und dann habe ich beim Sitzen eine kleine Treppe entdeckt:
- Ich muss sitzen. Disziplin. Auch Müssen hat seinen Platz, ohne Disziplin gibt es keine Ergebnisse.
- Ich will sitzen. Die eigene Entscheidung. Ich hätte jederzeit gehen können und bin geblieben.
- Ich kann sitzen. Und genau hier sitzt der Stolz: Ich kann das, ich habe schon so viel meditiert.
- Ich darf sitzen. Das ist die leiseste Stufe. Es ist ein Geschenk, dass ich das erleben darf, ohne es mir beweisen zu müssen.
Ich glaube, die meisten von uns leben irgendwo zwischen Müssen und Können. Dürfen ist selten. Mir hat die Treppe geholfen, mit meinem schlechten Gewissen umzugehen: Ich habe an einem Abend eine Einheit ausgelassen und an manchen Tagen lieber einen Spaziergang gemacht als Tai Chi. Mein Körper war mir an diesem Tag wichtiger, und ich muss mich dafür nicht rechtfertigen.
Was der Körper dazu sagt
Ich will dir nichts verschweigen, damit du realistisch planen kannst:
- Schlaf: Ich habe oft nur vier bis fünf Stunden geschlafen und bin mitten in der Meditation weggenickt. Das ist laut Kursleitung beim Fasten nicht ungewöhnlich, aber es zehrt.
- Wahrnehmung: Alles wird lauter. Ein Löffel, der in einem Glas gerührt wird, klang plötzlich wie ein Gong. Ich habe sogar meinen eigenen Herzschlag gehört.
- Sitzen: Schmerzen am Gesäß, bis ich die Position gewechselt habe. Man darf übrigens auf einem Stuhl sitzen. Falscher Stolz bringt hier nichts.
- Kopf: Nach zwei Wochen ist er ein bisschen faserig. Wichtige Entscheidungen würde ich in dieser Zeit nicht treffen.
Und noch etwas Ehrliches: 17 Tage waren für mich zu lang. Ab Tag 10 habe ich einen Lagerkoller bekommen. Für mich wären zehn Tage das Optimum gewesen: tief genug, aber nicht zäh. Auch Bewegung hat mir gefehlt. Fastenwandern, richtig lange draußen gehen, entspricht mir deutlich mehr als im Kreis zu gehen. In meiner Gruppe musste außerdem ein Mitfastender vorzeitig abreisen. Auch das gehört zur Wahrheit: Fasten ist nicht für jeden, und länger Fasten gehört in fachkundige Begleitung.
Was ich mitnehme und anders machen werde
Ich möchte im Frühjahr 2027 ein eigenes Retreat anbieten: Mindset & Fasten. Und ich weiß nach diesen 17 Tagen sehr genau, wie es sich von dem unterscheiden soll, was ich erlebt habe:
- Freiraum statt Dauerprogramm. Zeit zum Ausschlafen, zum Spazieren, für sich. Kein Tag von früh bis spät durchgetaktet.
- Bewegung draußen. Fastenwandern und Tai Chi. Tai Chi war meine schönste Entdeckung, ich habe mir schon eine App geholt und will es weiterlernen.
- Ein Reflexionstag mit Schweigen. Bewusst, freiwillig, mit Lächeln und Schild statt abgewandter Blicke.
- Geführte Meditationen statt stundenlangem Sitzen. Zum Beispiel zum inneren Kind oder zu den Archetypen. Das hat mir in diesen Tagen besonders gut gefallen.
- Mindset-Arbeit, also Glaubenssätze, Identität und die Frage, was dich eigentlich antreibt. Die Inhalte sollen sich später auf die Mindset Coach Ausbildung anrechnen lassen (Details folgen).
Format und Dauer sind noch offen: live, online oder beides. Wenn du dabei sein möchtest, trag dich gerne in die Interessentenliste ein, dann erfährst du als Erste oder Erster, wie es weitergeht: [LINK zur Interessentenliste / Landingpage]
Mein Fazit
Ich habe in diesen Tagen gelernt, wie getrieben ich bin, wie sehr ich Kontrolle brauche und wie viel Wärme für mich zur Stille gehört. Ich habe gelernt, dass „Ich darf“ der freieste Satz von allen ist. Und ich weiß jetzt: Wer Erholung sucht, sollte nicht fasten. Wer Klarheit sucht und bereit ist, es sich nicht leicht zu machen, bekommt einiges zurück.
Alles Liebe und bis zum nächsten Mal
Deine Doreen
Häufige Fragen zum Fasten
Weil mir diese Fragen nach jedem Fasten gestellt werden, hier meine ehrlichen Antworten aus eigener Erfahrung. Sie sind keine medizinische Beratung.
1. Nimmt man beim Fasten ab, und wie viel?
Ja, aber wie viel, ist individuell. Bei mir waren es in der ersten Woche etwa 2,5 bis 3 Kilo, in der zweiten noch einmal ungefähr drei. Bei meinem Mann und anderen Mitfastenden habe ich erlebt: Wer mehr wiegt, verliert in Kilo meistens mehr. Gerade am Anfang geht ein großer Teil auf Wasser und gespeicherte Kohlenhydrate zurück, der Fettabbau läuft langsamer. Und ein Teil kommt nach dem Fastenbrechen wieder. Deshalb ist Abnehmen für mich kein guter Grund zu fasten.
2. Wie schläft man beim Fasten?
Bei mir eher kurz. Vor allem in der zweiten Woche waren es oft nur vier bis fünf Stunden, meist mit etwa anderthalb Stunden Tiefschlaf. Ich bin häufig nachts um zwei oder drei hellwach geworden. Mir wurde gesagt, dass das beim Fasten nicht ungewöhnlich ist. Geholfen hat mir, abends weniger zu trinken, damit ich nachts nicht raus muss, und früh ins Bett zu gehen. Und: Plane tagsüber Pausen ein, du wirst sie brauchen.
3. Wie fühlt man sich körperlich und geistig?
Bei mir in Wellen. Um Tag 8 bis 10 ging es mir richtig gut, ich war klar und ruhig. Ab etwa Tag 13 wurde ich schwächer, war müde, hatte manchmal einen faserigen Kopf und zwischendurch Heißhunger. Morgens war mir manchmal etwas schwindelig, und mehr Trinken und langsames Aufstehen haben geholfen. Wenn du starken Schwindel, Herzrasen oder deutliche Schwäche spürst, reduziere die Belastung und hol dir ärztlichen Rat oder brich ab.
4. Wie lange sollte man fasten?
Das hängt von dir ab. Für mich waren 17 Tage zu lang, zehn wären ideal gewesen. Einsteiger starten in der Regel mit einer Woche oder weniger. Wenn du länger fasten willst, mach es nicht allein, sondern mit fachkundiger Begleitung.
5. Wie baut man nach dem Fasten die Kost wieder auf?
Auf alle Fälle langsam. Starte mit kleinen, leicht verdaulichen Portionen und baue die Kost Stück für Stück wieder auf, statt dich auf alles zu stürzen, wonach du Heißhunger hast. Dein Körper hat sich umgestellt und braucht Zeit, bis er wieder normal verdaut. Ich esse danach pflanzlich und vollwertig, überwiegend vegan. Ob das auch für dich passt, ist individuell. Wenn du unsicher bist, lass dich von jemandem begleiten, der sich damit auskennt.
Hinweis: Dieser Beitrag ist mein persönlicher Erfahrungsbericht und keine medizinische Beratung. Wenn du länger fasten möchtest, lass dich vorher ärztlich beraten und von fachkundigen Personen begleiten.

Vielen Dank für diesen Einblick. Das ist super spannend und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass mich ähnliche Themen beschäftigen würden wie dich. Alles Liebe zu dir. Leonore
Liebe Leonore, danke dir für deine lieben Worte! ❤️ Gerade in der Stille merkt man erst, was einen innerlich alles beschäftigt. Da gab es für mich einiges zu entdecken – auch manches, das ich längst abgehakt glaubte. Schön, dass du dich in meinem Bericht wiederfindest.
Alles Liebe zu dir!
Doreen