Empathie und Mitgefühl

Gibt es für dich einen Unterschied zwischen Empathie und Mitgefühl? Nein? Dann hol dir einen Kaffee und lies diesen Beitrag und staune…

Kennst du die goldene Regel fast aller Philosophen in der Weltgeschichte? Sie bezeichnet einen alten und verbreiteten Grundsatz der menschlichen Ethik, der auf der Reziprozität (Gegenseitigkeit) menschlichen Handelns beruht:

Diese Goldene Regel gibt es in zwei Varianten:

  1. „Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst.“

Die negative, Fassung kennst du sicher als gereimtes Sprichwort:

  • Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu.

Bereits vor 2500 Jahren lehrte Konfuzius diese Weisheit. Nach ihm auch Herodot und Platon, und ein paar Jahrhunderte später tauchte sie in jüdischen und christlichen Texten auf. Auch wir als Eltern vermitteln unseren Kindern diese goldene Lebensregel. Denn sie spiegelt unsere natürliche Fähigkeit wider Mitgefühl zu empfinden:

„Stell dir vor, dass du dieser andere wärst. Du willst doch auch gut behandelt werden, stimmt`s?“

Falsch verstandene Empathie

Viele Gehirnforscher sagen, dass unsere Fähigkeit zur Empathie das Ergebnis der Evolution und fest in unserem Gehirn verankert ist. Doch aktuell gibt es auch Meinungen, dass diese goldene Regel vor allem hinsichtlich einer übermäßigen Empathie Mängel aufweist. Denn nicht immer können wir gut nachempfinden, was unser Gegenüber genau will.

George Bernard Shaw sagte dazu: „Tu andern nicht, wie du willst, dass sie dir tun, ihr Geschmack könnte ein anderer sein als deiner.“

Definitionen

Mitgefühl und Empathie sind grundverschieden, aber eng miteinander verbunden. Sieh dir folgende Definitionen an:

Was ist Empathie?

Empathie weckt den Wunsch in uns, die Emotionen und Gefühle anderer Menschen zu verstehen und uns in sie einzufühlen. Diese Fähigkeit ist tief in uns verwurzelt. Bestimmst kennst du den Ausdruck, in die Mokassins des anderen zu schlüpfen. Empathie gehört zu den Big Five der Emotionalen Intelligenz nach Daniel Goleman.

Was ist Mitgefühl?

Mitgefühl ist eher eine Art emotionale Reaktion auf Empathie, bei dem es darum geht, ETWAS FÜR den ANDEREN zu empfinden und zu helfen. Dieses Empfinden kann Liebe, Sorge oder Wärme sein. Mitgefühl fügt also der Empathie eine weitere Dimension hinzu. Laut Bloom ist das Mitgefühl (compassion) Ausdruck der Vernunft, die zwischen dem spontanen, distanzlosen Mitempfinden und dem kalt-distanzierten Verstand vermittelt.

Die zwei Seiten der Empathie

  1. Unsere Fähigkeit die Emotionen anderer zu verstehen ist in uns angelegt und damit tatsächlich instinktiv. Diese Art von Empathie wird in der Psychologie kognitive Empathie genannt. Es gibt viele Gründe, diese Empathie zu praktizieren, denn sie ist gut für unsere mentale Gesundheit und für unsere Alltagsbeziehungen.
  2. Aktuelle Forschungen aus Neurowissenschaft und Psychologie u.a. von Paul Bloom, Professor für Psychologie an der Yale University und der deutschen Neurologin Tania Singer zeigen, dass es offenbar auch eine dunkle Seite der Empathie gibt. Die emotionale oder affektive Empathie. Hinter ihr verbirgt sich unsere Sehnsucht, andere Menschen nicht nur zu verstehen, sondern auch ihren Schmerz zu fühlen.

Die Schattenseite der Empathie

Empathie ist wie eine Resonanzfähigkeit – man teilt ein Gefühl mit einem anderen Menschen, ist aber der Gefahr ausgesetzt, überwältigt zu werden und in empathischen Stress zu geraten. 

Die Studien der Forscher legen nahe, dass Empathie – auch wenn sie gut gemeint ist – nicht neutral und nicht ohne Folgen ist. Es wird sogar angedeutet, dass sie manchmal mehr schaden als helfen kann, wenn es, um unsere Beziehungen und die Fähigkeit effektiv zu führen, geht.

Das ist umso spannender, da wir bisher der Meinung waren, dass insbesondere die Fähigkeit uns in das Leiden anderer hineinzuversetzen, als Quelle des Guten zu verstehen. Auch die meisten Wissenschaftler und Philosophen stimmen überein, dass das einzige Problem mit Empathie darin besteht, dass wir nicht genug davon haben….

Empathie und Urteilsvermögen

Doch Bloom sagt, dass dies nicht der Wahrheit entspricht.

In seinem Buch, „Against Empathie“ erklärt er, dass Empathie einer der führenden Motivatoren für Ungleichheit und Unmoral in der Gesellschaft ist. Empathie hilft uns nicht dabei, das Leben anderer zu verbessern, sondern aus seiner Sicht ist sie eine launische und irrationale Emotion, die unser Urteilsvermögen verwirrt und ironischerweise oft zu negativen Folgeeffekten führt. Laut dem Forscher wären wir emotional besser dran, wenn wir schlau genug sind, nicht auf Empathie, sondern auf ein distanzierteres Mitgefühl zurückzugreifen, dass trainerbar ist.

Bloom stützt seine Argumentation auf bahnbrechende, wissenschaftliche Erkenntnisse und argumentiert, dass einige der schlimmsten Entscheidungen von Einzelpersonen und Nationen: z.B. wem man Geld spendet, wann man in den Krieg zieht, wie man auf den Klimawandel reagiert und wen man inhaftiert –, oft durch ehrliche, aber unangebrachte Emotionen motiviert werden.

Empathie und Gleichheit

Empathie kann uns unbewusst mitfühlender gegenüber Personen und Nationen machen, mit denen wir mehr in Beziehung stehen. Dies macht es unwahrscheinlicher, dass wir uns mit Menschen verbinden, die unsere Erfahrungen nicht widerspiegeln. Empathie entsteht aus einem Gefühl der Gleichheit. Mensch zu sein ist ein guter Ausgangspunkt. Aber von dort aus sind Vorurteile nicht zu vermeiden. 

Ein neuer Kollege in deinem Job, der aus dem gleichen Bundesland kommt wie du, fühlt sich mehr mit dir verbunden als ein zufälliger Fremder. Eine Naturkatastrophe, die Menschen aus deinem ehemaligen Heimatort vertreibt, trifft dich näher als jemand aus einem dir unbekannten Ort. Die Empathie fühlt sich relevanter an, selbst wenn alle Betroffenen dir völlig fremd sind. Objektiv gesehen ist das Leid oder das Leiden gleich, aber der Bezug zur Gleichheit verändert deine emotionale Reaktion.

Empathie und Erschöpfung

Empathie ist auf Dauer anstrengend, weil uns intensives Einfühlen in Leid erschöpft. Und ausgebrannt sind wir schwer in der Lage, selbst Freunden zu helfen, die uns dringend brauchen. 

Bloom greift auch auf die Forschungen von Tania Singer vom Max-Planck-Institut für kognitive Neurowissenschaften zurück: Aus Singers Sicht gibt es neben dem Einfühlen können, also der Empathie, noch eine andere Form, die sie mit dem englischen Begriff „compassion“ beschreibt. Wer „compassion“ für einen anderen Menschen hegt, bringt ihm eine Form von Liebe entgegen. Er fühlt nicht dessen Schmerz mit, sorgt sich aber um sein Wohlergehen. Inzwischen kann man compassion auch trainieren. Dies ist vor allem in Pflegeberufen sinnvoll, in denen Helfer mit dramatischen Schicksalen konfrontiert werden.

Warum wir Mitgefühl entwickeln sollten

Nicht all unsere Instinkte und schon gar nicht all unsere Handlungen wurzeln in Mitgefühl. Oft und vor allem auf Social Media lassen wir uns von den Emotionen Anderer beeinflussen oder schätzen sie sogar aufgrund unserer eigenen Voreingenommenheit falsch ein.

Aber wir haben die Macht, uns darüber zu erheben und uns von unserem Ego zu befreien. Mitgefühl macht uns beherrschter, distanzierter und konstruktiver. Wahres Mitgefühl führt nicht dazu, das Leid eines anderen zu teilen, aber es hilft dabei, dessen Leid zu erkennen und anschließend aktiv zu werden. Mitgefühl verleiht Energie, wie es der der Niederländer Rutger Bregman in seinem Buch „Im Grunde gut“ erklärt. Schließlich will man, wenn ein Kind sich vor der Dunkelheit fürchtet, als Elternteil nicht die Angst seines Kindes empfinden und vor dem Bettchen mit ihm weinen (Empathie). Nein, sondern man kennt das Gefühl aus der Erfahrung und man will trösten und beruhigen (Mitgefühl).

Mitgefühl als Führungskraft

Durch wahrhaftiges Mitgefühl kann sich eine Führungskraft von ihren Emotionen und Gedanken lösen. Anstatt auf Autopilot zu reagieren, könnte sie über das Gefühl hinausgehen und eine angemessene Reaktion erzielen.

In gewisser Weise geht es bei wahrem Mitgefühl darum, über Emotionen oder völlige Rationalisierung hinauszugehen und trotzdem freundlich zu bleiben. Es geht darum den anderen zu verstehen, selbst wenn man nicht in allen Dingen übereinstimmt. Dafür haben wir unseren Verstand. Die Vernunft. Unsere Fähigkeit zu relativieren – ein psychologischer Prozess, an dem bestimmte Regionen unseres Gehirns beteiligt sind, vor allem der  präfrontale Cortex, der Bereich unseres Gehirns, der außergewöhnlich groß ausgebildet ist, und die uns zum Menschen macht. Wir können also immer auch versuchen, Andere mit unserem Verstand zu begreifen und wir können sehr viel besser denken, als wir glauben. Und jemanden zu verstehen muss nicht zwangsläufig heißt auch Verständnis für ihn aufzubringen. Ja, es ist nicht einfach, aber das macht es besonders mächtig.

Die Kombination machts

Unser Leben entwickelt sich ständig weiter. Täglich sind wir alle, egal ob im Job oder im Privatleben mit immer mehr Komplexität, mit digitalen Challenges und auch mit vielen Unklarheiten konfrontiert. Wir alle spüren den Druck, mit den Veränderungen Schritt zu halten.

Empathie für unsere Mitmenschen zu empfinden als Ausgangspunkt, ohne sich dabei zu verausgaben, gibt den Ton an.  Es geht darum zu erkennen, dass wir alle Menschen sind. Wir  haben ein Leben auch über den Job hinaus, und wir haben alle Stärken und Schwächen. Vergiss nie, dass wir alle auch ein Leben mit bestimmten Sorgen und Stressfaktoren haben, die wir nicht sehen.

Nutze deine Empathie, um mehr darüber zu erfahren, wie du deine Kunden und Kollegen besser bedienen kannst. Hier geht es vor allem darum fähig zu sein, sich in die die Lage der anderen Person zu versetzen.

Aber auch das Üben von Mitgefühl von großer Bedeutung. Wir brauchen fähige Menschen die gerne zusammenarbeiten, um Probleme zu lösen und Chancen zu erkennen. Mit wahrem Mitgefühl können wir besser verstehen, warum jemand Probleme hat, und zugleich können wir ihn unterstützen und motivieren, weil er Teil des Ganzen und wichtig ist.

Durch Mitgefühl Vorurteile überwinden

Wenn wir Mitgefühl praktizieren und die Auswirkungen sehen, die es auf andere hat, werden wir sensibler in unserem Denken, Fühlen und Handeln. Es ist eine positive Rückkopplungsschleife. Wir werden besser darin, anderen zu helfen und alle profitieren davon.

Das ultimative Ziel eines mitfühlenden Menschen sind Kompromisse und gemeinsames Verständnis. Emotionale Führung kann anstrengend sein, aber mitfühlende Führung muss nicht sein.

Beim Mitgefühl geht es nicht darum, ein Sklave deiner Emotionen zu werden, sondern es geht darum, die Zügel in die Hand zu nehmen und Vorurteile zu überwinden.

Auf diesem Planeten leben viele liebe und freundliche Menschen. Doch gibt auch Grausame und Böse. Und es gibt Menschen, die den Mut haben, sich aufzulehnen. Sie schneiden unangenehme Themen an und vermitteln unbehagliche Gefühle. Doch diese Leute sind wichtig, schenke auch ihnen Mitgefühl, denn sie bringen uns weiter. Vielleicht werden sie momentan noch für dumm und naiv gehalten. Doch vergiss nie, Morgen gehört den Mutigen.

Bis zum nächsten Mal, Deine Doreen

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